Die Neu-Isenburger Literaturecke

Ernst Blaß

Ernst Blaß wurde am 17. Oktober 1890 als Sohn eines mäßig wohlhabenden jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren. Der Literatur hat er sich schon früh verschrieben Mit neunzehn gehörte er schon zu den Mitbegründern des "Neuen Clubs" der ersten expressionistischen Autorenvereinigung, las seine Lyrik in dessen "Neopathetischem Cabarett" und im "Gnu", verkehrte im "Café des Westens" und konnte seine Gedichte und Glossen in fast allen avantgardistischen Zeitschriften der Zeit publizieren: "Der Sturm", "Die Aktion", "Die weißigen Bütter", "Das neue Pathos", Revolution", "Zeit-Echo", "Pan", "Saturn", "Simplicissimus", "Die Fackel". Daher setzte er auch das nach der 1908 Absolvierung des Gymnasiums begonnene Jurastudium nur ungerne fort. Dennoch promovierte er 1915 mit einer Arbeit über "Die Tötung des Verlangenden (§ 216 RStGB) ...

Das Erstlingswerk von Blaß hat einen neuartigen Charakter: "Verse voll Wirklichkeit, Intellekt, Erotik, Trauer, Frechheit, Labilität"

Von 1913 bis 1915 hält sich Blaß in Heidelberg auf. Dort beginnt er die exklusive Zeitschrift "Die Argonauten" zu redigieren, das Mitteilungsblatt seiner Freunde. Insgesamt erscheinen 12 Hefte mit philosophischen Beiträgen, Essays und Lyrik von Blaß, Gustav Radbruch, Leonhard Nelson, Max Scheler, Paul Ernst, Franz Jung, Max Brod, Carl Sternheim, Franz Blei, Franz Werfel, oder Erich Auerbach - darunter oft Erstdrucke von Texten, die später nicht wenig Bedeutung erlangen sollten, wie Robert Musils "Römischer Sommer" ("Das Fliegenpapier" im "Nachlaß zu Lebzeiten"), Ernst Blochs "Die Melodie im Kino" (eine Vorstudie zum "Geist der Utopie") oder Walter Benjamins "Schicksal und Charakter". Den Rang solcher Autoren hatte Blaß früh erkannt.

Heidelberg sollte Blaß' glücklichste, unbeschwerteste Zeit bleiben. Ende 1915 kehrt er nach Berlin zurück, um zunächst als Archivar der Dresdner Bank seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er hielt es in diesem engen bürgerlichen Beruf nicht lange aus. Statt dessen wurde er fest Angestellter Tanz- und Filmkritiker beim "Berliner Börsen-Curier" und "Berliner Tageblatt" und schließlich Lektor im Verlag seines Freundes des Kunsthändlers Paul Cassirer.

Danach wurde sein Leben sorgenvoll. Permanent hatte er Geldnöte, er litt unter Arbeitshemmung und unter mancherlei Krankheiten, mußte viele Monate in Schweizer Lungen-Sanatorien verbringen. Seine Ehe mit der Tänzerin Irma Hirschberg wurde schon bald wieder geschieden. ...

Mitte der Zwanziger Jahre entstand noch eine Handvoll Gedichte, die eine neue Wendung seines Schaffens signalisiert - hin zur "Neuen Sachlichkeit", aber auch eine Rückkehr zu den expressionistischen Anfängen. Diese verstreut erschienen Gedichte (Meist in der "Literarischen Welt", im "Tagebuch" und im "Querschnitt", mit Titeln wie "An Baby"", "Scotch Terrier", Pause "Der Hund", "Nacht", "Fort von Berlin" zeigen Ernst Blaß noch einmal auf der Höhe seiner früheren Kunst.

Bei den Nazis unerwünscht und verfemt (wenn auch, soweit wir wissen, nicht direkt verfolgt), starb Ernst Blaß am 23. Januar 1939 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin. Er wurde auf dem Friedhof Weißensee begraben; sieben Trauergäste folgten seinem Sarg.

"Eine Art deutscher Verlaine"
Einiges vom Leben und Schreiben des Poeten Ernst Blaß

Es gehört zu den Rätseln der deutschen Literaturgeschichte, daß ein Autor wie Ernst Blaß, eine der wichtigsten Figuren des literarischen Expressionismus, den Kurt Hiller einmal "eine Art deutscher Verlaine" genannt hat, bis heute nicht wieder entdeckt wurde. Und dies, obwohl er mit seinem 1912 erschienenen Erstling "Die Straße komme ich entlang geweht" eine ganz nachfolgende Dichtergeneration - allen voran Walter Mehring, Erich Kästner, Mascha Kaléko, ja selbst den frühen Brecht - beeinflußte und den Zeitgenossen, die seine Verse enthusiastisch begrüßten, als Prophet einer neuen, "Fortgeschrittenen Lyrik" erschien.

Ein neuer Ton und ein neues Thema wird entdeckt. Das Thema ist die Großstadt - ein Neuland für die deutsche Lyrik. Noch die Lyriker der Jahrhundertwende, George, Rilke, Hoffmannsthal, stehen ihm fern. Doch mit dem Expressionismus wird die Großstadt zum Sujet - meist ist es Berlin mit seinem flutenden Verkehr, den nächtlichen Straßen, Parks, Bars, mit seinen Einsamkeiten. Ernst Blaß verwendet dieses Thema auf eine sehr individuelle Weise, deutlich abgesetzt vom Stadt-Pathos lyrischer Zeitgenossen, wie etwa Georg Heym. Der neue Ton, den er findet, ist zugleich warm und zynisch, hektisch, heiter oder weltschmerzlich. Er ist ein urbaner Dichter.

Leseprobe:

"An Gladys"


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